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Der Baum

Es ist eine magische kleine Reise auf dem Nyon Fluss im Einbaum. Der ausgehöhlte Baum liegt gerade und glatt auf dem Wasser, wie ein Pfeil schnellt er mit jedem Paddelstoss über das schwarze Wasser. Schwarz vom Humus, schwarz vom Regenwald, der seine Nähstoffe in das Wasser trägt. Vögel zwitschern, schnattern, alarmieren. Affen kreischen in der Ferne. Jean Jacques, der Guide aus Ebogo, navigiert sicher in dem nicht zu tiefen Wasser, Baumstümpfe versperren immer wieder die Fahrrinne, manchmal eine Sandbank. Auf Ewondo, seiner Muttersprache, ruft er den Fischern am Ufer einen Gruß zu, tauscht sich kurz zu Neuigkeiten aus. Die Fischer legen ihre Netze rund um die Baumstümpfe, dort fangen sie Karpfen oder Welse, die es zuhauf gibt in diesem Teil des Nyon Flusses. Manche legen auch Reusen aus für Flussgarnelen oder Krebse. Wir steuern hinein in den Mangrovenwald. Es wird dunkel, das Blattwerk der Baumriesen nimmt das Licht. Das Wasser ist seicht, das Wurzelwerk ragt hoch heraus und spiegelt sich scharf auf der Oberfläche. Kaleidokopisch dreht sich das Bild, unklar plötzlich wo oben und wo unten ist. Baumstümpfe im Schatten werden zu Gestalten, ziehen Fratzen: Ein eigenes Universum, ruhig gleitet die Piroge durch diese Zwischenwelt. Nur Vogelstimmen begleiten unsere Fahrt. Wie geläutert erreichen wir wieder den breiten Fluss, überqueren ihn und landen an. Wir wandern durch den Regenwald, vorbei an Ebenholz und Kossipo Bäumen, deren Wipfel weit in die Höhe ragen, hunderte von Jahren sind sie alt. Dann eine Anhöhe. Der Blick bleibt hängen an einer Wand aus Holz, aus Baum, den Kopf nach oben geneigt, erblicken wir nicht einmal die Krone. Ein Gigant von Baum, es stockt uns der Atem beim Anblick dieses Riesen. Demut erfüllt uns. Der Baumriese ist über 1000 Jahre alt. Wir umrunden ihn andächtig mit seinen 20m Durchmesser, horchen an der Rinde. Andächtig betrachten wir sein Wurzelwerk, sein Blattwerk. Gesund sieht er aus trotz des hohen Alters. Gegen 1025 ist er hier im Regenwald gekeimt!  In Mitteleuropa herrschte Kaiser Otto III., der versuchte, das Heilige Römische Reich zu stärken. In Ungarn wurde Stephan I. zum König gekrönt, was den Beginn des christlichen Königreichs Ungarn markierte. In Amerika um diese Zeit ist wohl der Wikinger Leif Eriksson in Vinland später Kanada angelandet. Und in China hatte die Stadt  Kaifeng bereits eine Million Einwohnern.

1000 Jahre hat der Baum friedliche Perioden und Kriege überdauert. Und die Welt dreht sich weiter. 2011 wollte man ihn dann fällen!

Er hatte bereits ein rotes Kreuz auf seiner Rinde, als Jean Jacques einen europäischen Diplomat über den Fluss begleitet, um den Giganten zu besuchen. Neugierig fragte der Besucher nach dem Grund für das Zeichen und Jean Jacques erwiderte trocken:“ Der Baum wird gefällt!“ Wenn ich an das Gefühl von Demut denke, dass mich erfüllte, als ich den Baum das erste mal sah, kann ich mir gut vorstellen, dass der Diplomat erfüllt war von ähnlichen Gefühlen, ja von Erschütterung. Erschüttert und traurig erwirkte er am nächsten Arbeitstag in Jaunde einen Termin im Präsidialamt. Vielleicht konnte er gar mit dem Präsidenten persönlich sprechen. Auf jeden Fall, so erzählt Jean Jacques sei am darauffolgenden Wochenende eine große Delegation aus Jaunde in Ebogo angereist. „Wo ist den dieser Baum?“ hätten die Männer in Anzügen und Krawatten gefragt. Und Jean Jacques und andere Dorfbewohner brachten die Delegation den Nyon flussabwärts zum Giganten. Trotz formalen Auftrages, die Damen und Herren der Delegation erlagen auch der Magie des Waldes, des Riesen. Kaum zurück in der Hauptstadt erstatteten sie Bericht: Die Genehmigung für Fällung des Baumes wurde entzogen, einige Personen mussten ihr Amt räumen und die Firma, die den Wald samt Baum gekauft hatte, ging Konkurs. So oder anders hat sich die Geschichte wohl abgespielt. Resultat war auf jeden Fall: Dieser Baum wurde gerettet. Viele andere wurden seither gefällt. Und eines ist sicher, mit den Bäumen verschwindet der Wald mit seinen Geschichten.



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