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Im Norden

  • Autorenbild: Milan
    Milan
  • 25. Apr. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Die Landschaft in Sumy hat optisch sehr viel zu bieten. Sanfte Hügel, mediterran anmutende Pinienwälder mit an Flüssen entlangschlängelnden Sandpisten. Dazu ein olfaktorisches Erlebnis das ich mit Südeuropa und Urlaub assoziiere, am liebsten würde ich mit dem Motorrad die Gegend durchstreifen und mein Zelt zwischen den Nadelbäumen aufstellen. Wir erleben zwei Tage ohne eine einzige Fahrt und verbringen diese an der freien Luft vor dem Wohnheim und arbeiten an SOPs oder dösen in der Sonne - die Viererzimmer mit Hochbetten laden nicht zum Verweilen ein. Das Wetter ist weiterhin sommerlich, entsprechend passt sich auch der Hautteint an - an dieser Stelle liebe Grüße an die Dermatologin meines Vertrauens.

Mit fortschreitender Tageszeit und dann zu erwartender Nullrunde traue ich mich auch Joggen zu gehen und erkunde die naheliegende Flusslandschaft, an der die Stadtbewohner angeln und grillen.


Natürlich ist die Idylle nicht echt. In der Ferne hört man hin und wieder Artillerie, Der Luftalarm ertönt auch hier regelmäßig, wir müssen zwischenzeitlich den Schutzraum der Unterkunft aufsuchen. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wird das gesamte Land intensiv angegriffen, die Drohnen und Raketen fliegen jedoch über uns Hinweg zu weiter im Inland liegenden Zielen - die ukrainische Luftabwehr konnte einen großen Teil abfangen, dennoch wurde insbesondere die Hauptstadt schwer getroffen. Am Mittwoch donnert ein Kampfjet amerikanischer Bauart im Tiefflug über uns Hinweg, vollbeladen mit Luft-Boden-Raketen - ein beeindruckender Anblick der nicht nur bei den auf der Straße spielenden Kindern Begeisterung auslöst.


Kampfpilot ist auch unser erster Patient, der aber entgegen der initialen Beschreibung im Auftragstext sehr mobil ist, mir stolz Videos seines Flugzeugs zeigt und an der ersten Tankstelle seinen Thoraxdrainagenkanister in eine Tüte packt, aus dem Auto hüpft und sich Zigaretten, Kopfhörer und einen Hotdog kauft. Das Angebot uns ebenfalls Essen zu kaufen lehnen wir schmunzelnd ab und lassen ihn genüsslich seine Raucherpause einlegen bevor es weiter auf der holprigen Strecke Richtung Hauptstadt geht.

Nach der erwähnten zweitägigen Ruhepause, die mir innerlich etwas zu schaffen macht, ist unser nächster Patient beatmet, hat einen offenen Bauch nach Notfalloperation und ein Thoraxtrauma - wir können endlich Intensivmedizin auf der Straße praktizieren und geben den Patienten in -den Umständen entsprechend- gutem Zustand an einem Militärzug ab, wo die KollegInnen in Grün neugierig und freundlich die Unterhaltung mit uns suchen und sich sehr über die Unterstützung und die gute Versorgung freuen.

Mit unserem gesamten Gepäck sitzen wir nun wieder im Wagen und bringen einen durch eine Explosion beidseits Armamputierten Patienten, der wach und nach etwas Nachhilfe mittlerweile nicht mehr allzu schmerzgeplagt ist, nach Kyiv.

Unsere Rotation ist dann bereits beendet und wir fahren wieder nach Dnipro, wo ich für die folgende Woche auch erstmal bleiben soll. Wieder einmal hat es viele Personalwechsel gegeben, dementsprechend erwarten uns viele neue Gesichter und auch ein neu zusammengesetztes Team für die kommende Woche.


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