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Erste Eindrücke

  • Autorenbild: Milan
    Milan
  • 2. Apr. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Ich bin Milan, und darf Sandras Seite nutzen um meinerseits Eindrücke aus meinem Leben zu teilen. Ich habe bis zuletzt als Anästhesist im OP, auf einer Intensivstation und im Rettungsdienst gearbeitet und läute mit diesem Einsatz ein neues Kapitel in meinem Leben ein: Ich gehe als Volunteer für CADUS e.V sechs Wochen lang in den Osten der Ukraine als "MedEvac".


Von Krakau geht es mit einem IC nach Przemysl. In beiden Städten kann ich kurz die Wartezeit nutzen um mich in der Innenstadt umzuschauen. Krakau geprägt vom Tourismus und den allseits gleichen Restaurants und Cafés mit Heizlampen, die zu dieser Jahreszeit noch dürftig gefüllt waren. Przemysl als Grenzstadt geprägt von unendlich vielen Geldwechselstuben, eine davon nehme auch ich in Anspruch. Ich kaufe ein bisschen Wasser, Kekse und ein fragwürdiges verpacktes Panini für die Zugfahrt. Es gelingt mir leider nicht eine ukrainische Simkarte zu besorgen – also bin ich bis zur Ankunft ohne Mobilnetz, später stellt sich heraus dass auch das GPS-Signal dann offenbar nicht funktioniert. Eine Stunde vor Abfahrt, nach einem erstaunlich feinem Abendessen im Bahnhofrestaurant "Perla", stelle ich mich an den Seitenbereich des Grenzbahnhofs in die Schlange für die Passkontrolle zu den anderen Menschen. Dem Anschein und der Sprache nach überwiegend UkrainerInnen mit Rollkoffern und vielen schicken Handtaschen. Ob sie zurück nach Hause kehren oder nur für einen Kurzbesuch ins Heimatland kommen lässt sich nicht sagen. Die Sprachbarriere schreitet immer deutlicher voran je weiter es in den Osten geht, die Dame die vor dem Zug mein Ticket kontrolliert benötigt eine Übersetzung um meine Nationalität sicher festzustellen, ist ansonsten aber sehr zuvorkommend. Genau wie meine Zimmergenossinnen im Vierer-Schlafabteil, die sogar sehr gut Englisch können und mich freundlich einweisen. Es handelt sich um eine Mutter mit ihrer ungefähr 10 Jahre alten Tochter die seit dem Kriegsbeginn in Reading nahe London wohnen und zu Ostern in die Heimat fahren. Die Pritschen sind sehr dürftig und schmal, es gibt aber sauberes Bettzeug. Für die Oberen ist regelmäßige Kletter- oder Bouldererfahrung von Vorteil – das nicht besonders sportliche Mädchen braucht zum Absteigen jedes Mal Unterstützung.

Nach wenigen Minuten rumpelnder Fahrt sind wir an der Grenze, hier steht der Zug anderthalb Stunden. Es steigen verschieden Beamten und Soldaten ein, die Pässe werden eingesammelt, die Kabine und Taschen werden mit Taschenlampen durchsucht. Der Beamte fragt mich warum ich nach Dnipro will, die Letter of Support meiner Organisation scheint ihn zufriedenzustellen und er wünscht mir „Good luck“. Dann geht es irgendwann weiter, ich lese noch ein bisschen und höre Musik, der Schlaf kommt nur langsam doch das stetige Rumpeln hat auch einen Entspannungsfaktor. Die Gedanken schweifen wieder in die Vergangenheit und in die Zukunft, bis ich heute Morgen doch recht ausgeschlafen wachwerde. Mittlerweile sind andere Kabinen freigeworden, so dass ich bei einem Kaffee für 30 Hrvynia (ungefähr 75 Cent) mein Birnen-Keksfrühstück am Fensterplatz im Sitzen einnehmen kann.

Die Ankunft ist pünktlich um 12:43, ich soll das Bahnhofsgebäude, das als „high value target“ gilt zügig verlassen und mich zum Abholwagen – dem Ambulanzfahrzeug „Dörte“ -  begeben. Die kurze Zeit in der Innenstadt zeigt ein durchaus militärisch geprägtes Bild, allerdings überwiegend unbewaffnet. Es gelingt alles glatt und wir kommen im Teamhaus an. Aufgrund der Angriffe am Freitag und einer zwischenzeitlichen Terrorwarnung sind wir noch sehr Bewegungseingeschränkt – und operativ von Dnipro aus abgemeldet, weil bis zu meinem Eintreffen das bisherige ärztliche Personal nach Sumy verlegt wurde und hier niemand war. Insgesamt scheint es eine sehr bewegte Zeit mit vielen Personalwechseln zu sein, auch ein Umzug in eine neue Basis steht an. Ich bekomme heute nur die wichtigsten Einweisungen – wo der Shelter und mein Zimmer (mit eigenem Bad!) sind – und meine Simkarte. Ganz wichtig ist noch das Bekanntmachen mit Berta, der Wachhündin mit offenbar fragwürdigem Ruf (siehe Bild). Kann ich von meiner Seite nicht bestätigen, leider macht Berta den anstehenden Umzug aber nicht mit da sie den Vermietern des Geländes gehört. Ein bisschen umschauen, die Fahrzeuge, das Gelände und die Geräte begutachten und mit meinem Teampartner über die bisherigen Einsätze und die Außenstützpunkte reden lässt die Vorfreude auf die Onboarding-Tage ab morgen, und vor allem auf die „Aufmeldung“ am Sonntag auf jeden Fall steigen. Nebenher ertönen andauernd die Luftalarmsirenen und das Handy zeigt stündlich eine Beschusswarnung an, man gewöhnt sich schnell daran. In den Shelter – hier das Badezimmer, weil zwei Wände nach draußen und kein Fenster – gehen wir allerdings nur bei konkretem Beschuss oder tatsächlich gesichteten Drohnen/Flugzeugen.

Die größte Herausforderung des Tages ist dann noch das Besorgen von Lebensmitteln – aktuell sollen wir die Supermärkte noch meiden, daher das Ganze über den lokalen Lieferdienst – ich kann berichten dass ich davon kein Fan bin, ich muss aber trotzdem nicht hungrig ins Bett gehen 😊

Berta und "Boatman"
Berta und "Boatman"

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